Gedanken zu meinem Lehrkonzept

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Neben vielen anderen wurde ich für den Lehrpreis der „Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e.V.“ vorgeschlagen und soll am 06.10.2014 in 5 Minuten in einer Kurzpräsentation mein Lehrkonzept vorstellen.

Hier möchte ich die Folien dieser Präsentation kurz erläutern, kommentieren und so mein Lehrkonzept einem breiteren Kreis von vielleicht Interessierten bekannt machen.

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Das akademische Fach Deutsch als Fremdsprache ist ein sehr stark didaktisch orientiertes Fach, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie Lernprozesse beim Erlernen von deutscher Sprache und Kultur als Fremdsprache und Fremdkultur angeregt und unterstützt werden können. Dabei bedient sich das Fach der Erkenntnisse germanistischer und lernwissenschaftlicher Bezugswissenschaften. Aus dieser didaktischen und praktischen Orientierung des Faches ergibt sich, dass in der Lehre ein enger Theorie-Praxis-Bezug angestrebt werden sollte.

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Dabei heißt Lehren nicht Informationen und Stoff schütten, der in Klausuren mehr oder weniger verstanden wiedergegeben wird. Lehren heißt für mich – ausgehend von einer konstruktivistischen Auffassung von Lernen – Lernen anzuregen, zu unterstützen, zu strukturieren und in meinem Fach Deutsch als Fremdsprache auch, einen Bezug zwischen Theorie und Praxis herzustellen.

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Lernen meint dann auch nicht, Informationen, die gegeben werden, entgegenzunehmen. Lernen in einem konstruktivistischen Sinn bedeutet, für sich selbst Sinn und Bedeutung aus Informationen zu konstruieren, indem auf vielfältige Weise mit diesen Informationen gearbeitet wird. Lehren bedeutet dann, diesen Prozess des Diskutierens, Zweifelns, Teilens und Schaffens von Informationen anzuregen und zu unterstützen.

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Als erstes Beispiel für eine solche Vorstellung von Lehren soll das Seminar „Landeskunde und neue Medien“ dienen, das im vergangenen Sommersemester und geplant auch in den nächsten Sommersemestern als gemeinsames Projektseminar mit Studierenden der Moskauer Städtischen Pädagogischen Universität durchgeführt wurde und wird. Das Materiel zu diesem Seminar kann hier eingesehen werden: https://bildungsportal.sachsen.de/opal/auth/RepositoryEntry/6307708928/CourseNode/89077093518068

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Zu dieser Übersicht der Seminarziele wäre zu ergänzen, dass das Konzept von Landeskunde als Kulturwissenschaft von Claus Altmayer übernommen wird, das er in Aufsätzen unter anderem hier und hier zur Diskussion gestellt hat. Kultur als geteiltes Wissen, als „selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“ von Menschen, die in einer Gruppe miteiander interagieren, wird in Form kultureller Muster der Weltdeutung weitergegeben. Aufgabe von Landeskunde wäre dann, diese kulturellen Muster als Grundlage für das Verstehen fremdsprachiger Texte und fremder Handlungsweisen herauszuarbeiten und für Lernprozesse zur Verfügung zu stellen. Dies soll im Seminar am Beispiel des kulturellen Musters „1968“ in einem gemeinsamen Projekt von Studierenden aus Dresden und Moskau versucht werden. Dazu ist es erforderlich, kooperative Werkzeuge für die Zusammenarbeit im Internet zu finden und zu erproben.

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Grundlage für eine Strukturierung der Arbeit der Studierenden im gemeinsamen Projekt bildet der konnektivistische Lernbegriff nach George Siemens (vgl. zum Beispiel hier) und die von ihm auf seiner Webpage http://www.connectivism.ca/ beschriebenen vier Schritte, die zum Lernen führen.

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Ausgangspunkt sind die Daten, d.h. in diesem Fall der Text des Liedes „1968“ von Reinald Grebe. Hier geht es bei den auch in Dresden teilnehmenden Studierenden mit nicht-deutscher Muttersprache auch um Textverständnis.

Dieser Text wurde deshalb ausgewählt, weil „1968“ ein wichtiges kulturelles Muster ist, dessen Kenntnis zum Verständnis von Kultur in Deutschland heute beitragen kann. Der Text selbst enthält viele mit „1968“ verbundene kultureller Muster, deren Verständnis erarbeitet werden muss, um den Liedtext zu verstehen.

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Daten werden zu Informationen, indem sie strukturiert werden. Als Werkzeug für eine Zusammenarbeit der Gruppen im Internet erwies sich Spacedeck als brauchbar, ein Online-Whiteboard, desssen Grundfunktionen kostenlos nutzbar sind.

Zur inhaltlichen Strukturierung der Schlüsselwörter und kulturellen Muster einigten wir uns im Seminar nach Erproben von Alternativen auf die von Claus Altmayer vorgeschlagenen vier Kategorien (vgl. die Folie). Diesen Kategorien könnten Schlüsselwörter und kulturelle Muster wie folgt zugeordnet werden:

kategoriale_muster_1968

 

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Jede dieser Kategorien wurde von einer gemischten Gruppe aus Moskauer und Dresdner Studierenden im Projekt bearbeitet. Durch Auswertung von selbstgesuchten Quellen, Skype-Konferenzen der Gruppen außerhalb der Seminarzeiten und Festhalten von Erkenntnissen auf Spacedeck wurde Wissen über das Deutungsmuster „1968“ erarbeitet.

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Lernen heißt, mit dem Wissen etwas zu tun. Dazu wurde von jedem Studierenden ein individueller Blog angelegt, der der Reflexion der gelesenen theoretischen Materialien, der erstellten Mindmap und der Gruppenarbeit diente. Am Ende sollte die Arbeit im Seminar reflektiert werden. Dazu wurden die folgenden Fragen gegeben:

  1. Wie schätzen Sie ihre Arbeit am kulturellen Deutungsmuster in Bezug auf die von Ihnen gewählte Kategorie ein? Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Arbeit in Ihrer Arbeitsgruppe zu 1968 und den Folgen gewonnen? In wiefern hat Ihnen das zu einer klareren Vorstellung vom Deutungsmuster 68 und seiner Vielfalt verholfen?
  2. Wie charakterisieren Sie ihre Arbeit und ihre eigene Rolle in der Gruppe?
  3. Worin besteht für Sie persönlich der größte Gewinn in der Arbeit im Seminar?
  4. Welchen Mehrwert hatte die Zusammenarbeit von Moskau und Dresden?
  5. Welche Probleme hatten Sie im Seminar.
  6. Was möchten Sie kritisieren, würden Sie anders machen?

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Im Wesentlichen wurde das Seminar von den Studierenden gut eingeschätzt. Kritik gab es vor allem zu technischen Problemen. So funktionierten manche Headsets im genutzten Computerpool nicht mit der Software in der Online-Plattform, die eine virtuelle Konferenz zwischen Moskau und Dresden ermöglichen kann. Das führte zu manchen frustrierenden Sitzungen im Seminar, in denen eine Tonverbindung nach Moskau nur über ein oder zwei Rechner möglich war.

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Auf diese Weise wird Theorie und Praxis im Seminar miteiander verbunden – die Studierenden erfahren durch Selbsttun, ob und wie das verwendete landeskundliche Konzept zum besseren Verstehen führen kann und wieweit kooperatives Lernen mit Online-Werkzeugen für den eigenen Lernprozess förderlich ist.

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Als zweites Beispiel wäre die Arbeit mit E-Portfolios im Seminar „Methodisch-Didaktische Aspekte Deutsch als Fremdsprache“ zu nennen. Im Wintersemester 2013/14 wurde die Arbeit mit diesem Lernwerkzeug das erste Mal von mir erprobt, vgl. dazu meine kurze Bilanz hier: https://uzeuner.wordpress.com/2014/02/17/zum-einsatz-von-e-portfolios-in-zwei-seminaren-im-ws-201314-eine-kurze-bilanz/.

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Das Seminar soll den Studierenden einen Überblick über das Fach Deutsch als Fremdsprache geben. Dazu werden folgende Themen bearbeitet:

  1. Lerntheorien und Fremdsprachenerwerb
  2. Fremdsprachenerwerbsforschung
  3. Lernervariable
  4. Verarbeitungsstrukturen und -prozesse für sprachliche Daten im Gehirn
  5. Sprache als Lerngegenstand/ Text als Lerngegenstand
  6. Kultur als Lerngegenstand
  7. Medien im Fremdsprachenunterricht
  8. Gemeinsamer Europäischer Referenzfrahmen und Fertigkeitsentwicklungu

Zu jedem dieser 8 Themen wird eine komplexe Aufgabe gegeben. Aus diesen 8 Aufgaben wählen die Studierenden 4 Wahlpflichtaufgaben aus und bearbeiten diese in ihrem Portfolio, für das im Sommersemester die Plattform mahara.at verwendet wurde.

Die nächsten beiden Folien zeigen als Beispiel eine Aufgabe und einen Teil einer Aufgabenlösung als Beispiel. Alle Aufgaben fordern zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Inhalten heraus, regen zu einer Reflexion des Angelesenen an und wollen die Studierenden dazu bringen, auch Beiträge ihrer Kommilitonen zur Kenntnis zu nehmen und darauf Feedback zu geben.

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Mit dieser E-Portfolio-Arbeit soll nicht nur das Wissen über das Fach Deutsch als Fremdsprache vertieft werden. Die Studierenden sollen sich zugleich in einem reflektierteren und vertiefteren Herangehen an den Lernstoff üben und mit dem E-Portfolio ein mögliches Werkzeug für lebenslanges Lernen kennenlernen. Für die Leistungsbewertung ist hier von Vorteil, dass eine kontinuierliche Bewertung der Aufgabenlösungen während des Semesters stattfindet, die zu einer Gesamtbewertung am Semesterende führt. Das scheint mir fairer zu sein als eine punktuelle Bewertung durch eine Klausur oder ein Referat.

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Die Auswertung in der letzten Seminarsitzung des vergangenen Sommersemesters zeigte, dass aus Sicht der Studierenden zwei Teilziele für das Lernen im Seminar sehr gut erreicht werden konnten, nämlich die Unterstützung des Lernens durch das E-Portfolio und die Reflexion des eigenen Lernens.

Weniger gut wurde die Zusammenarbeit durch das E-Portfolio bewertet: Der Sinn, sich gegenseitig Rückmeldung zu den Aufgabenlösungen zu geben, war für einige Studierende nicht wirklich erkennbar und manche befürchteten sogar, dass durch Freigeben der eigenen Arbeitsprodukte für die anderen abgeschrieben und kopiert werden würde. Hier kollidieren meines Erachtens die traditionellen Lernerfahrungen der Studierenden mit den für sie neuen Möglichkeiten kooperativen Lernens durch Web 2.0-Werkzeuge. Die Sinnhaftigkeit eines solchen kooperativen Lernens muss jeder einzelne für sich überprüfen, dazu hat das Seminar eine Möglichkeit eröffnet.

 

 

 

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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4 Antworten zu Gedanken zu meinem Lehrkonzept

  1. Ines Herrmann schreibt:

    Lieber Herr Zeuner, konnten Sie den Lehrpreis für sich sichern? Mir gefällt die systematische und produktionsorientierte Herangehensweise zum Aufdecken kultureller Muster – und die Möglichkeit des Hypothesenvergleichs durch die Moskauer Studenten in dem Konzept des vergangenen Seminars „Landeskunde und Neue Medien“.

    • uzeuner schreibt:

      Liebe Frau Herrmann, ja, neben den Projekten einiger anderen Kolleginnen und Kollegen wurde mein Seminarkonzept den Lehrpreis ausgewählt. Ich freue mich sehr, dass mein Versuch, Hochschullehre außerhalb ausgefahrener Bahnen zu versuchen, auf diese Weise anerkannt wird.

  2. mattesfl schreibt:

    Hat dies auf Web 2.0 in DaF rebloggt.

  3. Pingback: Start ins Wintersemester 2015/16 | Ines Herrmann

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