Seminarprojekt Sommersemester 2014: Landeskunde und Neue Medien

In meiner Textfassung für einen Vortrag auf der Alumnitagung des Lehrstuhls Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik der TU Dresden im November 2013 hatte ich Ende Juli 2013 ein fiktives Seminar „Projekt 1968“ beschrieben, in dem sich Studierende der Germanistik mit einem kulturellen Deutungsmuster auseinandersetzen, das zum Verständnis der Alltagskultur heute nicht unwichtig ist: 1968. Dieses Idee für ein Seminar werde ich versuchen, im Sommersemester 2014 gemeinsam mit Studierenden aus Dresden und Moskau umzusetzen, die erste Seminarsitzung in Dresden wird am 25. April sein, durch unterschiedliche Semesterzeiten in Moskau und Dresden ergibt sich ein Zeitfenster zur gemeinsamen Arbeit vom 25.04. bis zum 27.06.2014.

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In welchen Schritten die Arbeit in diesem Seminar abläuft, hatte ich in meinem oben erwähnten Text schon skizziert. Ich werde hier trotzdem noch einmal den vorgesehenen Ablauf kurz darstellen, zunächst in einer Tabelle. Grundlage dafür ist die Vorstellung von Lernen bei George Siemens von 2005) (What is learning?: http://www.connectivism.ca/?p=14 – 2005):

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Bevor in Dresden am Deutungsmuster 1968 gearbeitet wird, geht es in den ersten beiden Sitzungen um die Vertiefung bzw. Erarbeitung des Landeskundebegriffs, der in diesem Seminar verwendet werden soll (25.04.) und um die Vertiefung/Erarbeitung von Möglichkeiten der Arbeit mit dem Web 2.0 in diesem Seminar (02.05.). Jeder Studierende richtet für sich einen Blog für die Arbeit im Seminar ein. Ab 09.05. wird dann gemeinsam mit den Moskauer Studierenden in folgenden Schritten gearbeitet, wobei die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsschritte von den Studierenden in ihren Blogs festgehalten werden sollen. Diese Blogs dienen auch der Gruppenarbeit in den gemischten Arbeitsgruppen aus Moskauer und Dresdner Studierenden, die sich spätestens ab Schritt 2 bilden sollen.

1.Schritt: Daten als Ausgangspunkt
Die Daten, das ist das Lied „1968“ von Rainald Grebe. Man findet es auf YouTube unter anderem hier: Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung – 1968 – http://youtu.be/p1iw2c9CS14. Bei Hören und beim Lesen des Textes wird es zunächst um Textverständnis gehen, aber auch um die Frage: Was verstehe ich nicht wirklich, obwohl ich die Wörter im Text kenne? Mit dieser Frage nähert man sich bereits hier Teilen des für das Textverstehen vorausgesetzten Wissens an und damit Elementen des Deutungsmusters 1968.

2. Schritt: Daten gegliedert: Informationen

Eine in Moskau und in Dresden mit der jeweiligen Studentengruppe gemeinsam erstellte Mindmap zum Lied und zu 1968 könnte nach den Schwerpunkten pragmatisch – politisch – ideologisch – institutionell – kulturell – historisch gegliedert werden. Diese Gliederung richtet sich nach einem Vorschlag von Penning (Penning, D.: Landeskunde als Thema des Deutschunterrichts – fächerübergreifend und/oder fachspezifisch? – In: Info DaF 22, 6 – 1995, 626 – 640)  für die Aufteilung von landeskundlichen Themen in eine Art Netzwerk und passt meiner Meinung nach hier recht gut. Dabei sollten hier schon kollaborative Mindmapping-Werkzeuge aus dem Internet wie zum Beispiel Mindmeister eingesetzt werden (vgl. dazu z.B. http://blog.goethe.de/majstersztyk/archives/49-Kollaboratives-Mindmapping-im-Unterricht.html), damit die Moskauer und die Dresdner Gruppe auf die Mindmaps der anderen Gruppe zugreifen und diese kommentieren kann.

3. Schritt: Bedeutung schaffen – Wissen

Mit der Mindmap ist ein Themenpool zum Deutungsmuster 1968 entstanden, in dem viel präsupponiertes Wissen zu finden ist, das zum Textverständnis und zum Verstehen dieses Deutungsmusters gebraucht wird.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollten sich gemischte Gruppen aus Dresdner und Moskauer Studierenden bilden, wobei sich im Idealfall zu jedem der die Mindmap gliedernden Schwerpunkte pragmatisch – politisch – ideologisch – institutionell – kulturell – historisch mindestens eine solche gemischte Gruppe bilden könnte.

Es geht nun darum, sich in diesen Gruppen das jeweilige Hintergrundwissen zu erarbeiten, also je Gruppe zu jeweils einem Teil des Bedeutungsnetzes Hintergrundinformationen zu sammeln und zu verarbeiten. Unter Nutzung der Suchmaschine der Wahl und kollaborativer Werkzeuge wie z.B. Evernote, Dropbox oder Delicious werden Informationen gesammelt, also Daten, die gegliedert, interpretiert, aufbereitet und verwendbar für den Zweck gemacht werden, der darin besteht, das Deutungsmuster 1968 mit angemessenem Inhalt zu füllen. Die gemeinsame Kommunikation innerhalb der Gruppe könnte über die jeweiligen Blogs und deren Kommentarfunktion oder über soziale Netzwerke (eine Gruppe in Facebook, ein Kreis in Google+, kurze Informationen über Twitter) erfolgen. Auch das Wiki des Seminars in OPAL kann dafür genutzt werden.

Die Seminarsitzungen dienen dabei vor allem der Diskussion des Arbeitsstandes, aber auch der inhaltlichen Diskussion (was wurde herausgefunden, wo gibt es Probleme …)

Auch die Bedeutungen des Deutungsmuster 1968 in den Kulturen der Lernenden sollte diskutiert werden. In der Tschechischen Republik und bei vielen Menschen im Osten Deutschlands ist mit dieser Jahreszahl sicher etwas anderes verbunden als bei Menschen aus Westdeutschland oder Westeuropa.

4. Schritt: Etwas mit dem Wissen tun – Lernen

Das Ergebnis der Gruppenarbeit, das Wissen über 1968, wird online und wenn möglich in einer Seminarsitzung in Moskau und in Dresden auch offline präsentiert und diskutiert. Zur Vorbereitung dafür ermöglichen Werkzeuge des Social Web wiederum unterschiedliche Herangehensweisen und Ergebnisse und wiederum können die Studierenden in ihren Gruppen diejenigen Inhalte und Ressourcen wählen, die am besten zu ihnen passen. Denkbar wären Texte in Blogs oder Wikis. Denkbar wären Videos auf YouTube oder kommentierte Fotoalben auf Flickr oder in einem Blog, die Aspekte von Alltagsleben als Beispiele für den kulturellen Wandel in Deutschland durch und nach 1968 zeigen und kommentieren. Denkbar wären Präsentationen, die über Slideshare oder Prezi veröffentlicht werden. Denkbar wäre auch, das gesammelte Wissen in einem E-Book zusammenzustellen.

Eine Veröffentlichung im Netz, das Teilen des Wissens mit anderen, ermöglicht auch gegenseitiges Kommentieren. Zu dem Schritt „etwas mit dem Wissen tun“ gehört auch, dass die Gruppen die präsentierten Ergebnisse der anderen kommentieren oder diskutieren. Dafür ist in Dresden ab 27.06. Gelegenheit, wenn das Zeitfenster der gemeinsamen Arbeit mit den Moskauer Studierenden geschlossen ist. Erst in einer solchen Verarbeitung des gesammelten Wissens und in einem solchen Gedankenaustausch findet Lernen statt.

Meine Kollegin in Moskau schrieb in ihrem Blog:

„Wir haben die Texte im Seminar diskutiert und haben festgestellt, dass die Lehrtradition, nach der sich die Studenten hier in Moskau richten, stark reglementierenden Charakter hat, was Lerninhalte, -strategien und –ziele anbelangt. Dieses Umdenken, finden eigener Fragestellungen, die zu Anknüpfungspunkten für unsere Recherchen an kulturellen Deutungsmustern werden, wird für uns eine große Herausforderung sein …“

Ich glaube, dass das auch für die Studierenden in Dresden eine Herausforderung sein wird, denn im Studium hier wird nach meinem Eindruck dem Finden eigener Fragestellungen und kooperativem Lernen auch eher wenig Raum gegeben. Vielleicht irre ich mich da auch und gern würde ich die Meinung von Studierenden aus Dresden hier lesen …

Zum Schluss noch ein paar Gedanken zum Problem der Annährung an kulturelle Deutungsmuster, der Begriff „kulturelle Deutungsmuster“ ist hier ja schon mehrfach verwendet worden: Er stammt von Altmayer, für ihn ist Kultur geteiltes Wissen einer Kommunikationsgemeinschaft, das sich in Texten in Form von kulturellen Deutungsmustern manifestiert (vgl. zum Beispiel Altmayer, Claus. (2002). Kulturelle Deutungsmuster in Texten. Prinzipien und Verfahren einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse im Fach Deutsch als Fremdsprache. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 6(3), 25 pp. Available: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-06-3/beitrag/deutungsmuster.htm).

Wie man kulturelle Deutungsmuster in Texten finden kann, erklärt ein Verfahren zur Textanalyse nach Altmayer. Er hat es unter anderem in seinem Buch „Kultur als Hypertext. Zur Theorie und Praxis der Kulturwissenschaft im Fach Deutsch als Fremdsprache“ (Iudicium Verlag, München 2004) beschrieben. Dieses Verfahren ist nicht 1:1 auf Sprachunterricht übertragbar, hilft aber meiner Meinung nach der Lehrerin oder dem Studenten, sich an kulturelle Deutungsmuster anzunähern.

In diesem gemeinsamen Seminar machen wir eigentlich den zweiten, konstruktiven Schritt dieser Textanalyse. Das Deutungsmuster 1968 ist in Grebes Lied deutlich zu erkennen und verschiedene „Teilinhalte“ dieses Deutungsmusters lassen sich in den einzelnen Strophen sehr gut herausfinden. In diesem zweiten, konstruktiven Schritt geht es nun darum, geeignete Texte aus der deutschen Kommunikationsgemeinschaft zu finden, die diese Teilinhalte des Deutungsmusters 1968 selbst mit Inhalt füllen. Zum Beispiel: Im Lied heißt es: „Die Ehe hielt bis zur Beerdigung“/“Arbeit hatte Vati, Mutti blieb zu Haus“ –> Als Teilinhalt des Deutungsmusters 1968  kann man hier zwei Dinge erkennen: Verändert hat sich in und durch 1968 offenbar die Rolle der Geschlechter (die Genderrolle) und die Rolle/Art und Weise des Zusammenlebens (Ehe). Wir brauchen also einige Texte, die sich mit diesen Teilinhalten und der Sichtweise auf sie heute auseinandersetzen. Dabei geht es nicht um „objektives Wissen“ über diese Teilinhalte; bei Altmayer heißt es:

„Das Ziel der kulturwissenschaftlichen Textanalyse besteht demnach auch nicht primär in der Bereitstellung eines systematischen, ‚objektiven‘ und in diesem Sinn ‚allgemein gültigen‘ Wissens über ‚die‘ Kultur, sie orientiert sich vielmehr vor allem an dem Ziel, Wissensstrukturen für den Aufbau einer Verstehenskompetenz in fremdkulturellen Lehr- und Lernkontexten bereit zu stellen. Nicht die ‚objektive Wahrheit‘ der von der kulturwissenschaftlichen Analyse herausgearbeiteten Aussagen, sondern allein deren Relevanz im Hinblick auf dieses (pragmatische) Ziel kann denn auch nur Kriterium ihrer intersubjektiven Gültigkeit sein. „(http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-06-3/beitrag/deutungsmuster.htm)

Verstehenskompetenz hieße in unserem Fall meiner Meinung nach zu verstehen, welche Assoziationen „1968“ bei vielen Deutschen hervorruft.

Zum Problem der Distanz zu eigenen Deutungsmustern: Ich denke, wir verwenden ziemlich unreflektiert immer zunächst die eigenen Deutungsmuster, um ein Verständnis der Welt für uns herzustellen. Diese notwendige Distanz, um Fremdes zu verstehen, lässt sich sicher nur in einem bewussten Prozess des Reflektierens herstellen. Vielleicht durch bewusstes Vergleichen: Gibt es bei uns auch ein Deutungsmuster „1968“? Was ist dessen Inhalt? Sind die Inhalte mit denen des deutschen Deutungsmusters vergleichbar? Warum evtl. nicht?

Distanz zu eigenen Deutungsmustern gewinnt man sicher auch durch bewusst umgesetzte Schritte, die zum Fremdverstehen führen können, vgl. dazu https://bildungsportal.sachsen.de/opal/url/RepositoryEntry/3635314688/CourseNode/86013484280413

Und ganz zum Schluss: Ich bin gespannt auf das Seminar, es ist ein Experiment, bei dem auch ich eine Menge lernen werde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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2 Antworten zu Seminarprojekt Sommersemester 2014: Landeskunde und Neue Medien

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