Zum Einsatz von E-Portfolios in zwei Seminaren im WS 2013/14 – eine kurze Bilanz

Meine ersten Erfahrungen mit dem Einsatz von E-Portfolios in zwei Seminaren im WS 2013/14 (vgl. auch Andrea Lißner: TUDfolio meets DaF) sind aus meiner Sicht als Dozent insgesamt sehr positiv. Die beiden Hauptgründe dafür sind für mich die folgenden:

Zum ersten: Durch die Wahlpflichtaufgaben, die von den Studierenden zu bearbeiten sind, bleiben diese kontinuierlicher an den Inhalten des Seminars und ich habe den Eindruck, dass viele sich durch die Wahlmöglichkeiten auch intensiver mit den Teilthemen auseiandersetzen, die sie sich wählen. Als Dozent kann man viel individueller auf einzelne Aufgabenbearbeitungen eingehen und evtl. Hinweise auf weiterführende Texte geben.

Interessant war für mich auch, dass ich viele Studierende in ihren Blogbeiträgen als sehr nachdenkende und reflektierende Seminarteilnehmer erleben konnte, was in einem traditionellen Seminar nicht immer so möglich ist. Dazu ein Beispiel: A.P. aus Polen reflektiert im Rahmen des Themas Lerntheorien über die Frage Wie weit beeinflusst meine bisherige Lernerfahrung mein Lernen?:

„Die zwei Beiträge „Beratung von ostasiatischen Studierenden. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht“ und „Interkulturalität des Lernens ? ‚Japanisches Lernen‘ und angemessene Methodologie“ verdeutlichten mir (überraschender Weise), dass ich ziemlich viel mit ostasiatischen Studierenden gemeinsam habe. Vor allem während meines Studiums aber auch in der Schulzeit hatte ich viel Angst vor Fehlern und wollte innerhalb der Gruppe nicht auffallen. Der Grund dafür waren vor allem Mitschüler.  Man machte sich dann oft im Schulkorridor lächerlich über eine Person, die etwas „dummes“ gesagt hat. Wenn ich also mir der Antwort nicht 100%-ig sicher war, habe ich mich auf keinen Fall gemeldet. Der andere Grund für dieses „passive“ Verhalten war der sogenannte „Konkurrenzkampf“ zwischen Mitschülern und später Kommilitonen. Man wollte oft dem Lehrer durch sein Wissen imponieren sowie den anderen zeigen, dass man klüger als sie ist. Das hatte komischerweise bei mir zur Folge, dass ich sehr vor einem Gesichtsverlust fürchtete.  Dieses Verhalten halte ich natürlich heutzutage für kindisch, aber ich muss leider feststellen, dass es mein Lernen noch bis heute beeinflusst. Ich melde mich nämlich ungerne, wenn ich nicht 100%-ig sicher bin, dass die Antwort richtig ist. Ich stelle auch eher selten Fragen an Lehrkraft. Das führt dazu, dass ich oft etwas nicht verstehe und zu Hause in den anderen Informationsquellen die Antwort auf meine Frage suchen muss, was mich natürlich viel Zeit kostet.
Die wohl wichtigste Ursache, die mein Lernen immer wieder beeinflusst, ist jedoch die Tatsache, dass ich in meiner Heimat IMMER prüfungsorientiert gelernt habe. Das hatte zur Folge, dass ich vor allem extrinsisch motiviert war. Das Lernen machte mir also sehr selten Spaß. Bis heute betrachte ich das Lernen eher als Pflicht. Außerdem erwarte ich, dass der Lehrer viele Hausaufgaben aufgibt. Ich muss (und eigentlich auch will) zu Hausaufgaben gezwungen sein, sonst würde ich sie nämlich sicher nie freiwillig machen. …
Auf mein Lernen hat weiterhin auch einen großen Einfluss die Lerntechnik, die in meiner Heimat sehr beliebt und verbreitet ist: das Auswendiglernen. Die Schüler, die diese Lerntechnik verwendet haben (zu denen zähle ich auch) waren meistens in der Schule erfolgreich. Sie haben oft sehr gute Noten bekommen. Das Problem besteht aber darin, dass sie sich an den Stoff nach 2-3 Tagen in der Regel überhaupt nicht erinnern konnten. Diese Lerntechnik assoziierte ich aber immer mit dem Erfolg und großer Anstrengung (die ganze Nacht lang lernen). Das hat zur Folge, dass ich noch heutzutage sehr gerne auswendig lerne, weil ich daran gewöhnt bin. …
Wenn ich die deutschen Studierenden mit polnischen vergleiche, muss ich feststellen, dass sie wirklich lieber an Diskussionen teilnehmen sowie keine Angst haben, ihre Kritik zu äußern. Die Kritik in Polen wird oft sehr persönlich genommen. Ich habe deshalb Angst meine Meinung zum Referat von Kommilitonen zu äußern, um ihnen kein Leid zu tun. Das Problem besteht darin, dass ich auch eine große Angst vor Kritik habe. Das Halten von Referaten ist deshalb für mich mit viel Stress verbunden. Ich muss lernen mit Kritik umzugehen, weil ich dank ihr meine Fehler verbessern kann. Das wird mich aber wahrscheinlich noch ein bisschen Zeit kosten.“

Eine solches Nachdenken über eigene Lernerfahrungen vertieft meiner Ansicht nach die Auseiandersetzung mit den im Seminar behandelten Lerntheorien und verhilft auch zu ihrem besseren Verständnis.

Der zweite Hauptgrund für die positive Einschätzung: Durch die kontinuierliche Bewertung der Portfolioaufgaben ist eine Leistungsbewertung im Seminar besser und meiner Ansicht nach auch gerechter möglich. Sie kostet auch nicht, wie anfangs befürchtet, zu viel Zeit, denn man kann auch als Dozent kontinuierlich daran arbeiten und muss nicht am Ende der Semesterpause einen großen Packen Hausarbeiten in kurzer Zeit abarbeiten.

Diese insgesamt positive Einschätzung wurde auch von den Studierenden in der letzten Seminarsitzung, die der Auswertung der Portfolioarbeit diente, geteilt. Kritisch wurde das Werkzeug E-Portfolio aus  OPAL gesehen, das als viel zu kompliziert in der Verwendung und zu störanfällig beschrieben wurde. Diese Erfahrung der Studierenden teile ich. Kritik wurde auch an den Aufgaben geäußert, die eine Studentin als „ganz normale Hausaufgaben“ beschrieb.

Hier taucht wieder das Problem der Balance zwischen Offenheit und Lenkung auf, das Andrea Lißner in ihrem Blogbeitrag http://tudfolio.wordpress.com/2013/10/30/balance-zwischen-offenheit-und-lenkung/ beschrieben hat. Diese Balance scheint tatsächlich ein Problem zu sein in Seminaren, in denen ja bestimmte Themen als Lehrinhalte vermittelt werden müssen – wie in den beiden Seminaren im Wintersemester, die einen Überblick über das Fach Deutsch als Fremdsprache geben sollten. Über die Möglichkeit, aus 8 Wahlpflichtaufgaben zu den Themen des Seminars 4 Aufgaben zur Bearbeitung auszuwählen, habe ich versucht, Offenheit hineinzubringen. Ohne Lenkung funktioniert die Arbeit aber nicht, besonders nicht bei Lernerfahrungen der Studierenden, die die Offenheit weniger oder gar nicht kennen. Dazu noch einmal die oben schon zitierte Studentin aus Polen:

„Ich muss (und eigentlich auch will) zu Hausaufgaben gezwungen sein, sonst würde ich sie nämlich sicher nie freiwillig machen. Da ich immer prüfungsorientiert gelernt habe, will ich auch immer den ganzen Lehrstoff verstehen. Ich kann mich nicht auf die wichtigsten Elemente konzentrieren. Ich habe nämlich Angst, dass ich etwas verpasse, was dann in der Prüfung vorkommen könnte. Die große Rolle spielt hier auch die Tendenz, dass die Prüfungsformen in meiner Heimat oft sehr genau erklärt werden. Die Schüler erwarten sehr oft, dass sie von einem Lehrer sogar genaue Fragen, die in einer Klausur vorkommen werden, bekommen. Ich bin deshalb manchmal irritiert, wenn ich einen umfangreichen Lehrstoff selbst bearbeiten kann. Es ist für mich problematisch zu unterscheiden, was in einem Text besonders wichtig und was weniger wichtig ist. Ich fühle mich außerdem oft aus diesem Grund überfordert.“

Auch eine deutsche Studentin erinnert sich an wenig Offenheit im Unterricht, die nur durch Freiarbeit in einigen Fächern erfahren werden konnte:

„Das erste, was mir zum Thema „Lernerfahrungen“ einfällt, ist Auswendig-Pauken. Und gähnende Langeweile, vor allem im Sprachunterricht. Eigentlich traurig. Dabei gibt es tolle Möglichkeiten, Unterricht und auch Lernen interaktiv, kommunikativ, eben einfach ansprechend zu gestalten. Viele davon habe ich auch schon in meiner Schulzeit erlebt. … Dazu gehört vor allem die Freiarbeit. Diese Art des Lernens war damals an meinem Gymnasium neu eingeführt worden. Anfangs war es sehr ungewohnt für mich dass wir auf einmal keine klaren Vorgaben und keinen Frontalunterricht hatten. Aber ich persönlich habe dies schnell als Vorzug schätzen gelernt. Ich konnte in meinem eigenen Tempo arbeiten und musste trotzdem nicht allein im stillen Kämmerlein sitzen.“

Fazit hierzu: Ohne „Hausaufgaben“ geht es vermutlich nicht. Auch unterscheiden sich die Portfolioaufgaben von „Hausaufgaben“ dadurch, dass sie für ein Feedback durch die Lerngruppe freigegeben werden und von anderen Studierenden kommentiert werden sollen. Diese Rückmeldung durch Kommentieren hat allerdings nur ansatzweise funktioniert. Zwar fanden die Studierenden die Möglichkeit interessant, auch die Antworten der anderen lesen zu können, viele sahen aber keinen wirklichen Sinn im Kommentieren, wie in der Auswertung zum Seminar zur Sprache kam.

Das liegt meiner Ansicht nach nicht nur daran, dass dieses Kommentieren nicht von mir stark gelenkt wurde und keine Voraussetzung für die Bewertung der Seminarleistung war. Es liegt vielleicht auch daran, dass diese Kommentarfunktion in einem Seminar, in dem man sich wöchentlich traf und die Seminarthemen besprach, als künstlich empfunden wurde. Das Feedback in Blogs oder Portfolios ist ja vor allem hilfreich für Lernen außerhalb institutioneller Rahmen, wo man auf die Meinung anderer Menschen angewiesen ist, wenn man nicht im eigenen Saft schmoren will. In einem Präsenzseminar lernt man diese Meinung unter Umständen direkt kennen.

Leider kann das Portfolioprojekt wegen fehlender Finanzierung nicht so wie im vergangenen Wintersemester weitergeführt werden. Meine positiven Erfahrungen mit der E-Portfolioarbeit bringen mich aber dazu, das Werkzeug E-Portfolio in den beiden Seminaren zu Aspekten des Faches Deutsch als Fremdsprache auch im Sommersemester 2014 wieder einzusetzen. Allerdings werde ich ich als E-Portfolio nicht mehr das von OPAL einsetzen, sondern als Werkzeug  Mahara ausprobieren. Ein Profil habe ich dort schon angelegt.

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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