Gedanken zum Einsatz von E-Portfolios – Aufgaben

In meinen ersten Überlegungen zum Pilotprojekt zur E-Portfolioarbeit hatte ich mich u.a. folgendes gefragt:

  • Wie sollten Lernaufgaben beschaffen sein (Information sammeln, kommentieren, interpretieren, anwenden?)
  • Wie weit soll eine Steuerung durch Lernaufgaben überhaupt gehen? Wie viel Freiheit, Offenheit für ein individuelles Portfolio lässt man den Studierenden?

Dazu im folgenden einige Gedanken.

Schaffert und andere (2007) beschreiben in ihrem Aufsatz „E-Portfolio-Einsatz an Hochschulen: Möglichkeiten und Herausforderungen“ unter anderem die folgenden fünf Prozesse der Portfolioarbeit:

phasen_portfolio

Prozesse der Portfolioarbeit aus: Schaffert und andere 2007, S. 79

Diesen Prozessen könnten nun jeweils für jede Sammelmappe zu den einzelnen Themen im Portfolio entsprechende Aufgaben zugeordnet werden, die bei den Lernenden genau diese Arbeitsprozesse (d.h. sammeln, reflektieren,  präsentieren, bewerten) in Gang setzen. Die Klärung der Zielsetzung und des Kontextes der Portfolioarbeit müsste zu Beginn des Seminars in der ersten Sitzung stattfinden und könnte durch die erste Portfolioaufgabe als Pflichtaufgabe für alle unterstützt werden. Diese erste Aufgabe müsste sich mit einer Vertiefung von Zielen und Arbeitsweisen der Portfolioarbeit und ersten praktischen Schritten bei der Arbeit mit dem Portfolio in OPAL befassen. Für die nächsten vier Prozesse folgen dann Wahlpflichtaufgaben zu jedem der acht Themenbereiches der beiden Seminare, die ich für das Projekt ausgewählt habe (Aspekte des Faches Deutsch als Fremdsprache). Diese Themenbereiche sind:

  1. Lerntheorien und Fremdsprachenerwerb – Fremdsprachenerwerbsforschung
  2. Lernervariable und Motivation als Lernervariable
  3. Verarbeitungsprozesse für sprachliche Daten im Gehirn
  4. Wortschatzvermittlung
  5. Sprache als Lerngegenstand
  6. Kultur als Lerngegenstand
  7. Medien im Fremdsprachenunterricht
  8. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen und die Arbeit an Fertigkeiten im Fremdsprachenunterricht

Aus den 8 Wahlpflichtaufgaben wählt jeder Studierende 4 Aufgaben zu den Themenbereichen aus, die ihn/sie interessieren und die deshalb vertieft werden sollen. Diese Wahlpflichtaufgaben bestehen – wie auch schon die Pflichtaufgabe zur Portfolioarbeit – aus den folgenden Teilen, die die oben gezeigten Prozesse 2 bis 5 abbilden:

  • Material zum Thema sammeln; Organisation eigener Artefakte in je einer Sammelmappe zu jedem gewählten Thema
  • Das gesammelte Material inhaltlich reflektieren und kommentieren und Reflexion des eigenen Lernprozesses unter Nutzung des Blogs bzw. der Reflexionsfunktion für die Artefakte
  • Die Sammelmappen mit den Artefakten und Reflexionen für andere freigeben und Sammelmappen anderer kommentieren.

Diese Aufgabenteile entsprechen im Wesentlichen auch den drei Arten von Aufgaben für ein E-Portfolio, die Karpa, Kempf und Bosse (2013, S. 6) beschreiben:

  • Aufgaben zum Einüben in wissenschaftliches Arbeiten (W-Aufgaben) entsprechen der Teilaufgabe zur Organisation eigener Artefakte.
  • Reflexionsaufgaben (R- Aufgaben) und
  • Aufgaben, die der Vertiefung wissenschaftlicher Fragestellungen dienen (V- Aufgaben), entsprechen den Teilaufgaben zur Reflexion und zum Kommentieren.

Bei der Aufgabenformulierung ist also auf die Funktion der Aufgabe (W, R oder V) zu achten.

Auch wäre darauf zu achten, möglichst offene Aufgabenformate zu wählen, damit die Studierenden individuell entscheiden können, wie sie einzelne Aufgaben bearbeiten und in welcher Form sie ihre Arbeitsergebnisse präsentieren (vgl. Karpa, Kempf und Bosse (2013, S. 4).

Zur Organisation der Portfolioarbeit schlägt Lißner vor, die Aufgaben jeweils zum aktuellen Thema freizugeben, eine Frist von jeweils zwei Wochen für die Freigabe zum Kommentar und Feedback durch Kommilitonen  zu setzen und für jede der vorgesehenen Themenbereiche jeweils neue Feedback-Tandems auszulosen (Lißner 2013, S. 79). Dieses Vorgehen gibt Struktur in die Arbeit, kann aber meiner Meinung nach auch die Gefahr des „Over-Scripting“ (vgl. Reinmann und Sippel 2010) befördern.

Ich überlege, etwas anders vorzugehen. Ich will zu Beginn des Seminars alle Aufgaben – die Pflichtaufgabe und die 8 Wahlpflichtaufgaben – fertig haben. Die Aufgaben werden dann alle mit Beginn des Seminars zur Verfügung gestellt, damit die Studierenden zu Beginn des Semesters je nach ihren Interessen aus den Wahlpflichtaufgaben vier zur eigenen Bearbeitung auswählen können. Das erfordert, aber ermöglicht auch mehr Selbstständigkeit.

Die Fristsetzung von zwei Wochen für die Freigabe zum Kommentar und zum Feedback finde ich gut, ich werde sie an den Termin der Bearbeitung des Themas im Seminar binden: Innerhalb von zwei Wochen nach Bearbeitung des Themas im Seminar muss das Portfolio zum Thema für die Kommentierung durch andere freigegeben sein.

Was die Tandempartner für das Feedback angeht, so möchte ich auch hier mehr Freiraum für die Studierenden geben: Jeder Studierende muss zu vier unterschiedlichen Themen (das müssen nicht die selbst bearbeiteten Themen sein) ein Feedback schreiben. Bedingung dafür ist, dass er sich für jedes dieser Feedbacks einen anderen Kommilitonen selbst auswählt.

Die erste Portfolioaufgabe als Pflichtaufgabe  soll die Zielsetzung und den Kontext der Portfolioarbeit klären helfen und diesen Klärungsprozess vertiefen. Sie könnte in folgenden Teilaufgaben formuliert werden:

1. Teilaufgabe

  • Fügen Sie zu ihrer Sammelmappe meine Überlegungen zur Arbeit mit E-Portfolios in diesem Seminar hinzu. Sie finden Sie in meinem Blog https://uzeuner.wordpress.com/ unter der Kategorie „Pilotprojekt E-Portfolio“.
  • Suchen Sie dazu noch mindestens einen Text oder auch Vortrag (auf YouTube), der sich mit dem Thema  E-Portfolios auseinandersetzt, für Ihre Sammelmappe.

2. Teilaufgabe

  • Schreiben Sie zu jedem der Texte in Ihrer Sammelmappe eine kurze Reflexion: Fassen Sie dazu aus jedem Text die 3 – 5 Gedanken oder Aspekte zusammen, die Sie für besonders wichtig halten, um das Lernen und Arbeiten mit E-Portfolios besser zu verstehen.
  • Begründen Sie dann kurz, warum Sie diese ausgewählten Gedanken oder Aspekte für wichtig halten.

3. Teilaufgabe

  • Erstellen Sie als neuen Artefakt einen Blog für Ihr Portfolio:
artefakt_hinzufuegen

Lerntagebuch/Blog als Artefakt hinzufügen

  • Schreiben Sie einen kurzen Blogbeitrag zu der Frage: Welche Erwartungen habe ich an die Arbeit mit einem E-Portfolio in diesem Seminar?

4. Teilaufgabe

  • Geben Sie innerhalb von zwei Wochen Ihre Sammelmappe zur ersten Portfolioaufgabe für die anderen Seminarteilnehmer zum Kommentieren frei.
  • Wählen Sie selbstständig eine der von Ihren Kommilitonen freigegebenen Sammelmappen zur ersten Portfolioaufgabe  aus und schreiben Sie dazu mit Hilfe der Kommentarfunktion eine kurze Einschätzung: Was halten Sie für besonders gut und gelungen und warum? An welchen Stellen hätten Sie sich noch mehr Information oder Reflexion gewünscht, um die Auffassung ihrer Kommilitonin oder ihres Kommilitonen besser zu verstehen? Teilen Sie ihre/seine Erwartungen zur Arbeit mit einem E-Portfolio in diesem Seminar oder nicht? Warum nicht?

Ähnlich könnten auch die folgenden Wahlpflichtaufgaben gegliedert sein, wobei man die Aufgabenformulierungen immer offener wählen könnte, je mehr die Studierenden mit der Portfolioarbeit vertraut werden.

Mein nächste Herausforderung wird sein, diese Aufgaben technisch in OPAL umzusetzen. Bei ersten Versuchen hat sich das trotz eines Workflow-Materials  als nicht ganz trivial erwiesen, denn die Aufgabenerstellung scheint mir nicht sehr intuitiv zu sein und ist wie bei allen Autorenprogrammen durch die Programmfunktionen begrenzt.

Literatur

Karpa, Dietrich, Julian Kempf & Dorit Bosse: Das E-Portfolio in der Lehrerbildung aus Perspektive von Studierenden – Schulpädagogik heute. Heft 7(2013) 4. Jahrgang. – (Digitale Medien in der Schule) – Online am 13.08.2013 unter  http://www.schulpaedagogik-heute.de/index.php/component/joomdoc/SH_7/SH7_213.pdf

Lißner, Andrea: Masterarbeit: E-Portfolios an der Technischen Universität Dresden. Durchführung einer explorativen Studie zur Erhebung des Status quo und Gestaltung eines Einsatzszenarios im Bereich der bildungstechnologischen Ausbildung von Lehramtsstudierenden. – Online am 13.08.2013 unter  http://tudfolio.files.wordpress.com/2013/04/2012-12-12_ma_a_lissner_mitcc.pdf

Reinmann, Gabi; Sippel, Silvia : Königsweg oder Sackgasse? E-Portfolios für das forschende Lernen (2010) – Online am 10.08.2013 unter http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2009/11/Artikel_Hamburg_CampInnovation_final.pdf
Vortrag von Gabi Reinmann zum gleichen Thema: Online am 10.08.2013 unter http://lecture2go.uni-hamburg.de/konferenzen/-/k/10455

Schaffert, Sandra, Veronika Hornung-Prähauser, Wolf Hilzensauer, Diana Wieden-Bischof: E-Portfolio-Einsatz an Hochschulen: Möglichkeiten und Herausforderungen.- In: SCIL-Arbeitsbericht 13 März 2007. Herausgeber: Prof. Dr. Dieter Euler, Prof. Dr. Sabine Seufert. Swiss Centre for Innovations in Learning Universität St.Gallen , S. 76 – 93. – 
Online am 13.08.2013 unter: http://scholar.google.de/scholar_url?hl=de&q=https://www.alexandria.unisg.ch/export/dl/sabine_seufert/45255.pdf%23page%3D76&sa=X&scisig=AAGBfm1VKZxRI7K6dEeCiIJ6GuunhBHkIg&oi=scholarr&ei=uYEGUrm_KsLcOa_jgbAK&ved=0CC4QgAMoADAA

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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9 Antworten zu Gedanken zum Einsatz von E-Portfolios – Aufgaben

  1. Pingback: Gedanken zum Einsatz von E-Portfolios in zwei Seminaren im Wintersemester 2013/14 | DaF-Blog

  2. mehrals0815 schreibt:

    „Bedingung dafür ist, dass er sich für jedes dieser Feedbacks einen anderen Kommilitonen selbst auswählt.“
    An dieser stelle hatte ich sie kurz falsch verstanden und dachte, sie meinten, man bestimmt, wer einem selbst Feedback gibt.
    Ich mochte an dem Gedanken, dass er die Kommentare stark in der physischen Welt verankert. Nach dem Seminar zu der Person treten, die vielleicht in der Sitzung etwas fur einen selbst sehr interssantes gesagt hat, …
    Dann gibt es jedoch wieder eine starke Steuerung. Stattdessen konnte man vielleicht vor/nach dem Seminar darauf hinweisen, nach Partnern fürs Feedback geben Ausschau zu halten

    • uzeuner schreibt:

      Danke für den Kommentar. Meine Formulierung ist an der Stelle sicher missverständlich. Ich meinte, man wählt aus, wem man Feedback gibt. Wie dieses Auswählen konkret ablaufen kann, darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ihre Idee, dass mit der Seminarsitzung (der physischen Welt) zu verbinden und vor/nach dem Seminar Partner fürs Feedback zu finden, finde ich gut. Vielleicht kann man das auch über das Studentenforum in OPAL steuern: Wenn sich dort die Feedbackpartner jeweils eintragen, habe alle (auch ich als Dozent) eine Übersicht, wer mit wem.

  3. Alexander Lasch schreibt:

    Vielen Dank für den Artikel! In der Hoffnung, dass ich die Erläuterung zu Teilaufgabe 3 nicht missverstanden habe: Wäre es nicht sinnvoll, darüber nachzudenken, die Artikel auf einem Blog (z.B. über das Blogsystem der TUD) zusammenzufassen anstatt je eigene Blogs zu etablieren?

    • uzeuner schreibt:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Zu den Blogs in Teilaufgabe 3: In dem Portfoliomodul von OPAL, mit dem gearbeitet werden soll, kann man für sein eigenes Portfolio als Artefakt einen Blog erstellen. Ich füge zur Verdeutlichung noch einen Screenshot in meinen Beitrag oben ein.
      Dadurch hat man in seinem persönlichen Portfolio seinen eigenen Blog integriert, der als eine Art Lerntagebuch genutzt werden soll. In dieser Funktion des Lerntagebuches ist es, denke ich, besser, dass jeder in seinem Portfolio seinen eigenen Blog führt, der dann für andere zum Kommentieren freigegeben werden kann.

  4. Alexander Lasch schreibt:

    Ich habe gerade noch einen Blick in die MA von Andrea Lißner geworfen und mich (wieder einmal) über die Komplexität von OPAL (o.ä. Systemen) gewundert. Und gefragt: Wäre es — auch im Sinne langfristiger Anlage der Portfolios — nicht gut, diese an einen dezentralen Service zu binden und z.B. lediglich Auszüge auf einem System der TUD erneut zu veröffentlichen? Der Hintergrund: Gehen die Studierenden aus Dresden weg, können sie ihr Portfolio nicht mitnehmen.

    • uzeuner schreibt:

      Ja, Sie haben völlig recht, darin liegt das Problem bei OPAL. Darüber haben wir – Frau Lißner und ich – auch gesprochen. Das Pilotprojekt verwendet OPAL wohl vor allem deshalb, weil die Studierenden an diese Plattform gewöhnt sind und weil für die TU derzeit keine andere Plattform gehostet ist. Ich muss mich also erstmal an OPAL halten. Es sollte auch eine Gruppe mit dem Tool Mahara (vgl. http://mahara.de/) arbeiten (vgl. http://tudfolio.wordpress.com/2013/08/11/lets-start/), das hat wohl nicht geklappt.
      Ein anderer Grund war wohl auch, dass in OPAl die Portfolioarbeit kleinschrittig gestaltet werden kann, was für Anfängerinnen und Anfänger im Bereich Lernen mit E-Medien eine Hilfe sein kann, Mahara setzt wohl mehr Eigeninitiative des Nutzers voraus … Es bleibt das Problem, dass die Portfolios nur so lange genutzt werden können, solange die Studierenden an der TU sind. Deshalb sollte auf jeden Fall versucht werden, nach dem Pilotprojekt ein anderes Tool (z.B. Mahara) zu verwenden.

  5. Pingback: Portfolioaufgaben in OPAL (Beispiel) | DaF-Blog

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