Materialsammlung für Vortrag „Landeskunde – Neue Medien“

Am 08.11.2013 soll ich auf einer Alumni-Tagung in Dresden einen Vortrag halten. Den Themenvorschlag hatte ich mit „Landeskunde – Neue Medien“ bewusst allgemein gehalten. Beide Stichworte umschreiben meine besonderen fachlichen Interessen. Das Thema ist allerdings sehr weit und ich muss sehen, wie es in einem Vortrag von einer reichlichen Stunde bearbeiten kann.

An dieser Stelle möchte ich Material für diesen Vortrag sammeln und im Sinne von „Open Science“ (vgl. zu diesem Begriff den Vortrag von Prof. Spannagel) Interessierten zur Verfügung und zur Diskussion stellen. Dieser Text ist ein „Work in progress“!

1. Was ist Landeskunde? Ansatz von Altmayer (2002, 2004, 2007)

Landeskunde sollte bei Lernern eine tiefergehende Verstehens­ und Verständigungskompetenz für deutschsprachige Texte und Diskurse entwickeln, so dass sie diese angemessen verstehen und angemessen zu ihnen Stellung nehmen können.

Kultur als geteiltes Wissen/ Hypertext/ Deutungsmuster (Beispiele bringen: Deutungsmuster in Texten; Deutungsmuster im kommunikativen Verhalten ….)

Kulturdefinition:  „Unter ‚Kultur‘, so können wir vorläufig mit Clifford Geertz sagen, wollen wir jenes „selbstgesponnene Bedeutungsgewebe“ verstehen, in das Menschen als Mitglieder sozialer Gruppen „verstrickt“ sind, und ihre Erforschung „ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht“ (Altmayer 2002).

Mit ‚Kultur‘ wären demnach vor allem diejenigen Bestände eines ‚lebensweltlichen‘, d.h. von uns als ‚normal‘, ‚selbstverständlich‘ und allgemein bekannt angenommenen Wissens gemeint, das wir in unseren alltäglichen Lebensvollzügen immer schon verwenden, auf das wir aber in aller Regel erst dann reflektieren wenn es – aus welchem Grund auch immer – in Frage gestellt ist. Kultur, so könnte man mit der Forschungsrichtung der ‚cognitive anthropology‘ auch sagen, ist geteiltes Wisse (‚shared knowldege‘) …“ (Altmayer 2002)

… ‚Kultur‘ [bildet] die Gesamtheit des als selbstverständlich gültig und allgemein bekannt angenommenen und vorausgesetzten Wissens, das von Texten präsupponiert wird und das die in der Regel implizit bleibenden Sinnbedingungen von Texte ausmacht. Kultur in diesem Verständnis ist demnach nicht auf einem direkten oder empirischen Weg, sondern allein über die Analyse von Texten bzw. kommunikativen Handlungen, d.h. genauer über die Rekonstruktion der von Texte präsupponierten Sinnbedingungen wissenschaftlicher Erforschung zugänglich.“ (Altmayer 2002)

Wir deuten die gemeinsame Welt und Wirklichkeit und orientieren uns handelnd in dieser Wirklichkeit auf der Basis von Mustern, die wir im Verlauf unserer Sozialisation erlernt haben, die wir in der Regel in Diskursen als allgemein bekannt und selbstverständlich voraussetzen, die aber auch selbst jederzeit zum Gegenstand diskursiver und kontroverser Deutungsprozesse werden können. So weit es sich bei diesen Mustern um überlieferte, im kulturellen Gedächtnis einer Gruppe gespeicherte und abrufbare Muster von einer gewissen Stabilität handelt, spreche ich von ‚kulturellen Deutungsmustern‘, und den Bestand an ‚kulturellen Deutungsmustern‘, der einer Gruppe als gemeinsamer Wissensvorrat für die diskursive Wirklichkeitsdeutung zur Verfügung steht, nenne ich die ‚Kultur‘ dieser Gruppe“ (Altmayer, 2007, S. 13).

Deutungsmuster spielen in alltäglicher und medialer Kommunikation eine wichtige Rolle, sie werden in der Regel als allgemein und selbstverständlich bekannt vorausgesetzt, ohne dies tatsächlich auch immer zu sein.

  • potenzielle Quelle für Nicht- und Falschverstehen,
  • Basis für das, „was wir ‚landeskundliches‘ oder – wie ich lieber sagen möchte – ‚kulturelles‘ Lernen im Fremdsprachenunterricht nennen“ (Altmayer 2007, S.14)

Von ‚kulturellem Lernen‘ soll … dann die Rede sein, wenn Lerner des Deutschen als Fremdsprache in der und veranlasst durch die Auseinandersetzung mit deutsch­sprachigen ‚Texten‘ über die ihnen verfügbaren Deutungsmuster reflektieren und diese so anpassen, umstrukturieren, verändern oder weiterentwickeln, dass sie den kulturellen Deutungsmustern, von denen die Texte Gebrauch machen, weit gehend entsprechen und die Lerner in die Lage versetzen, diesen Texten einen kulturell angemessenen Sinn zuschreiben und dazu angemessen (kritisch oder affirmativ) Stellung nehmen können“ (Altmayer 2007, S. 17 – 18).

Daraus folgt Aufgabe von Landeskunde  – Wissen / Deutungsmuster vermitteln mit dem Ziel des Fremdverstehens oder besser den Lernprozess der Entwicklung von Fremdverstehen zu unterstützen. Landeskunde hat es nicht mit Fakten und Zahlen, sondern vor allem mit ‚kulturellen Deutungsmustern‘ zu tun. „Sie muss Lerner dazu anregen und befähigen, das ihnen Vertraute gelegentlich in Frage zu stellen, die ihnen verfügbaren Muster umzustrukturieren, zu erweitern oder zu ergänzen, die in deutschsprachigen Texten und Diskursen implizit verwendeten Muster zu identifizieren und mit ihren eigenen Mustern in eine möglichst produktive Beziehung zu bringen“ (Altmayer 2007, S.18).

Ziel: Fremdverstehen:

“ ‚Fremdverstehen‘ heißt …, dass Fremdsprachenlerner bereit und in der Lage sind,

  • die eigenen individuellen und/oder kulturellen kognitiven Schemata der Welt- und Wirklichkeitsdeutung zu relativieren und in Frage zu stellen;
  • die eventuelle ‚Fremdheit‘ und Unverständlichkeit von fremdsprachlichen Texten und Äußerungen prinzipiell auf diesen Texten/ Äußerungen möglicher Weise zu Grunde liegende andere und unbekannte kognitive Schemata zurückführen können;
  • die ‚fremden‘ Schemata als potenzielle Gründe, die für die mit fremdsprachlichen Texten und Äußerungen erhobenen Geltungsansprüche sprechen könnten, rekonstruieren können;
  • auf der Basis dieser Rekonstruktion der rationalen Gründe von Geltungsansprüchen dazu begründet Stellung nehmen, d.h. die Gründe als hinreichend akzeptieren oder als inakzeptabel zurückweisen können.

Fremdverstehen‘ im Sinne eines verstehenden, an Verständigung orientierten Umgangs mit Texte, Äußerungen oder ganz allgemein mit kommunikativen Handlungen einer anderen Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft ist also nicht gleichzusetzen mit ‚Empathie‘ oder dem Einnehmen einer ‚fremden‘ Perspektive bei gleichzeitiger Suspendierung des ‚Eigenen‘; ‚Fremdverstehen ‚ ist auch nicht gleichzusetzen mit ‚Verständnis‘ im Sinne eines vorgängigen Einverständnisses, wonach alles ‚Fremde‘ allein deswegen als wertvoll anzusehen wäre, weil es fremd ist. Fremdverstehen ist vielmehr ein Prozess der auch kritischen Auseinandersetzung, der zwar von der Erwartung ausgeht, dass die kommunikative Handlung eines ‚Fremden‘ eine prinzipiell rationale und sinnvolle Handlung ist und mir möglicher Weise etwas Wichtiges zu sagen hat, in dessen Verlauf sich diese Erwartung aber auch als unbegründet erweisen kann. Und nicht zuletzt handelt es sich beim Fremdverstehen selbst wiederum um eine kommunikative Handlung, die ihrerseits verstanden werden muss und deren Geltungsansprüche ihrerseits der kritischen Prüfung durch die Kommunikationsgemeinschaft unterzogen werden können bzw. müssen, die also nicht an irgendeiner Stelle einen definitiven Abschluss finden kann.“ (Altmayer 2004, S. 70/71).

Die Aufgabe der Landeskunde besteht dann insbesondere darin, bei Lernern des Deutschen als Fremdsprache durch die Auseinandersetzung mit deutschsprachigen Diskursen Prozesse des ‚kulturellen Lernens‘ in Gang zu setzen, d.h. Prozesse der Bewusstmachung, Reflexion, Überprüfung und ggf. auch der Korrektur, Weiterentwicklung und Umstrukturierung der ihnen vertrauten Muster oder deren Ersetzen durch andere“ . Dabei bedürfen Begriffen wie ‚kulturelle Deutungsmuster‘ und ‚kulturelles Lernen‘ noch einer breiteren inhaltlichen Konkretisierung und empirischen Fundierung (ebenda).(Altmayer 2007, S. 20 – 21). 

–> Drei Zugänge für kulturelles Lernen: Kultur in der Sprache; Kultur im Verhalten/Handeln von Menschen; Kultur in Manifestationen (vgl. Krumm 1998)

Beispiel Sprache:

Beispiel Handeln: Welches Verhalten wird in bestimmten (Kommunikations)situationen erwartet?

Beispiel Manifestationen

Themenvorschläge für Landeskunde von Altmayer (in 2007):

Identität – Raum – Zeit – Werte als universale Daseinserfahrungen: Evtl. Anhand der Beispiele Deutungsmuster in den Bereichen Identität, Raum, Zeit, Werte demonstrieren !

FRAGE:  Wie kann man an Fremdverstehen mit Unterstützung „Neuer Medien“ in den drei oben genannten Zugängen und Themenbereichen arbeiten ??

—————–

2. Was heißt „Neue Medien“ (ist evtl. von „Neuem Lernen“ nicht zu trennen und muss deshalb zusammen bearbeitet werden)

„Neue Medien“ als Web 2.0 charakterisieren, Werkzeuge und deren Potential für Kulturlernen allgemein vorstellen, vgl. Online-Lehrbuch Web 2.0.:

3. Was heißt Lernen in diesem Zusammenhang ?

Vgl. meine Zusammenfassung in meinem Blogbeitrag „Gedanken zu einer E-Learning-Strategie“

Auch auf Konnektivismus eingehen, vgl. z.B. Bernhardt und Kirchner 2013; vgl. auch George Siemens: Connectivism: http://www.connectivism.ca/

George Siemens (2005): What is Learning: http://www.connectivism.ca/?p=14

4. Was folgt daraus für die Arbeit in Landeskunde mit Neue Medien

Wie können Internet und Social Media Lernprozesse des Fremdverstehens unterstützen? Vielleicht hier kurze Beispiele geben:

Eine Projektskizze zu Grebe: 1968. Dabei „Landeskunde als Netzwerk“ (Penning 1995) nutzen; vgl.:

Grebe_1968

(Vorläufige) Quellen:

Altmayer, Claus. (2002). Kulturelle Deutungsmuster in Texten. Prinzipien und Verfahren einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse im Fach Deutsch als Fremdsprache. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 6(3), Available: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-06-3/beitrag/deutungsmuster.htm

Altmayer, Claus: Kultur als Hypertext. Zur Theorie und Praxis der Kulturwissenschaft im Fach Deutsch als Fremdsprache. Iudicium Verlag München 2004

Altmayer, Claus (2008): Von der Landeskunde zur Kulturwissenschaft. Innovation oder Modetrend? – In: Germanistische Mitteilungen 65/2007. – Online am 03.11.2008: http://www.bgdv.be/gm65/GM65_altmayer.pdf

Aufenanger, Stefan: Keynote von Prof. Dr. Stefan Aufenanger (Universität Mainz, Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik): „‚Gefällt mir!‘ – Besser Lernen mit digitalen Medien“ http://youtu.be/v78gOFnUoLA (Veröffentlicht am 06.02.2013)

Bernhardt, Thomas und Marcel Kirchner: E-Learning 2.0 im Einsatz – Online am 26.07.2013. URL: http://elearning2null.de/learnmedia/Bernhardt-Kirchner_E-Learning-2.0-im-Einsatz.pdf

Bernhardt, Thomas und Marcel Kirchner: Lerntheoretischer Hintergrund. In: E-Learning 2.0. Gemeinschaftlich geführte Weblog der Wissenschaftlichen Mitarbeiter und Promotionsstudenten Thomas Bernhardt (Uni Bremen) & Marcel Kirchner (TU Ilmenau) zum Thema “E-Learning 2.0″.Online am 26.07.2013. URL: http://www.elearning2null.de/publikationen/expose/2-lerntheoretischer-hintergrund/ .

D@dalos – Internationaler UNESCO Bildungsserver für Demokratie-, Friedens- und Menschenrechtserziehung: Online-Lehrbuch Web 2.0. Online: http://www.dadalos-d.org/web20/inhalt.htm

Geertz, Clifford. (1995). Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. 4. Aufl. Frankfurt a.M.

Krumm, H.-J.: Landeskunde Deutschland, D-A-CH oder Europa? Über den Umgang mit Verschiedenheit im DaF-Unterricht. – In: Info DaF. Informationen Deutsch als Fremdsprache 25, 5 (1998), S. 523-544.

Penning, D.: Landeskunde als Thema des Deutschunterrichts – fächerübergreifend und/oder fachspezifisch? – In: Info DaF 22, 6 (1995), 626 – 640.

Podcasting im Fremdsprachenlernen & Interkulturellen Lernen Testwiki der Duisburg-Essener Anglistik. – Online am 14.07.2013: http://wiki.uni-due.de/ang/index.php/Podcasting_im_Fremdsprachenlernen_%26_Interkulturellen_Lernen

Rosa, Lisa: Lernen Lernen lernen mit dem persönlichen Lernnetzwerk. Wie im digitalen Zeitalter eigensinnig und gemeinsam gelernt wird. – Vortrag auf der #relearn der re:publica 13 2013. Online: http://shiftingschool.wordpress.com/2013/05/10/lernen-lernen-lernen-mit-dem-personlichen-lernnetzwerk-wie-im-digitalen-zeitalter-eigensinnig-und-gemeinsam-gelernt-wird/

Siemens, George: Connectivism: http://www.connectivism.ca/

Tushar Chaudhuri und Csilla Puskás:  Interkulturelle Lernaktivitäten im Zeitalter des Web 2.0. Erkenntnisse eines telekollaborativen Projektes zwischen der Hong Kong Baptist University und der Justus-Liebig-Universität Gießen – In: Informationen Deutsch als Fremdsprache • 38. Jahrgang • Heft 1 • Februar 2011. – Online am 14.07.2013: http://www.iudicium.de/InfoDaF/contents/InfoDaF_2011_Heft_1.htm

Wesch, Michael: Vortrage “A Portal to Media Literacy”, (17. Juni 2008 an der University of Manitoba). – Online: http://youtu.be/J4yApagnr0s

Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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