Fundstück: Wenn ich mich umschaue, sehe ich ….

Noch ein Fundstück (vorläufig das letzte) aus dem Wintersemester 1996 (Sprachübungen für Germanistikstudenten).

Ausgangspunkt war ein Text von Peter Schneider aus dem Lehrbuch des Klett-Verlages Sichtwechsel Neu Band 1, S. 31 , in dem dieser seine Wahrnehmungen sehr subjektiv beschreibt: „Ich versuche für einen Augenblick, den Augenschein zu beschreiben. Wenn ich morgens den ersten Blick aus dem Fenster werfe, sehe ich …“ Aufgabe war, einen ähnlichen Text zu schreiben mit der Überschrift „Wenn ich mich umschaue, sehe ich …“. Neben dem sprachlichen Ziel (kreatives Schreiben) ging es dabei auch darum, durch das Gespräch über die entstandenen Texte zu erkennen, wie subjektiv und selektiv jede Wahrnehmung ist und dass Wahrnehmung immer auch Interpretation bedeutet. Das sind zwei Erkenntnisse, die für den ersten Schritt von Fremdverstehen, nämlich der Relativierung der eigenen Sicht auf die Welt, wichtig sind.

Diesmal gebe ich zuerst den Originaltext und danach eine von mir korrigierte Fassung des Textes von Christine aus den USA. Sie beschreibt ihre Wahrnehmungen in einer der vielen Kneipen in der Dresdner Neustadt. Das Foto, das vielleicht die Stimmung wiedergibt, ist von mir.

vollmond„Wenn ich mich umschaue, sehe ich …“ – Originaltext: 

Draußen ist es dunkel und kalt. Ich setze mich am Tisch, der in der Ecke des Restaurants steht, und warte auf die Kellnerin. Ich schaue aus dem Fenster, aber ich sehe nur meine Reflexion. Kerzen glühen schwach in dem kleinen Raum der Studenten. Es ist ganz ruhig und das Restaurant ist noch nicht voll. Trotzdem ist die junge Kellnerin müde und sie will sich ausruhen. Die Studenten unterhalten leise über das Wochenende und vergessen die Kälte an der anderen Seite des Fensters. Eine Gruppe junge Leute, die langsam und ohne Mühe rauchen, teilen das alte abgetragene Sofa, das in einer Ecke liegt. Ein großer Hund von jemand sitzt sich auch auf dem Sofa, als ob der mitreden könnte.

Ich nehme meine Mütze ab, und bestelle eine Tasse heiße Kaffee. Leblose Gesichter versuchen, sich hinter ein Bier und einer Cigarette zu verstecken; als ob sie bemerkt sein sollten, aber nicht verstanden. Die Augen der Fremden treffen sich durch Wolken des Rauches. Es gibt ein Paar, das sich Händen hält, und bemerkt nichts aber einander, Ein andere Paar, das nebenan einen Tisch teilen, sind nicht so bequem. Sie starren in verschiedene Richtungen, mit nichts zu sagen. Ihre Flaschen sind leer.

Obwohl das Restaurant immer voller wird, bleibt der Geräuschpegel gleich. Wenn es Musik gibt, bemerkt man nicht. Ein alter betrunkener Mann, der einen langen Bart trägt, trinkt von der Dose Bier, die er im Supermarkt abgeholt hat. Die Studenten schauen ihn nur für einen Moment an, bevor die das Interesse verlieren. Wie ich ist er allein, als er erwartet hätte.

Die Kellnerin kommt mit meine Kaffee und ich trinke den kalt weg.


„Wenn ich mich umschaue, sehe ich …“ – Korrigierte Fassung: 

Draußen ist es dunkel und kalt. Ich setze mich an den Tisch, der in der Ecke der Kneipe steht, und warte auf die Kellnerin. Ich schaue aus dem Fenster, aber ich sehe nur mein Spiegelbild. Kerzen glühen schwach in dem kleinen Raum, in dem Studenten sitzen. Es ist ganz ruhig und die Kneipe ist noch nicht voll. Trotzdem ist die junge Kellnerin müde und sie will sich ausruhen. Die Studenten unterhalten sich leise über das Wochenende und vergessen die Kälte an der anderen Seite des Fensters. Eine Gruppe junger Leute, die langsam und ohne Hast rauchen, teilen sich das alte abgenutzte Sofa, das in einer Ecke steht. Ein großer Hund von jemandem sitzt auch auf dem Sofa, als ob er mitreden könnte.

Ich nehme meine Mütze ab und bestelle eine Tasse heißen Kaffee. Leblose Gesichter versuchen, sich hinter einem Bier und einer Zigarette zu verstecken; als ob sie bemerkt sein wollten, aber nicht verstanden. Die Augen der Fremden treffen sich durch Wolken des Rauches. Es gibt ein Paar, das sich an den Händen hält und nichts bemerkt, außer einander. Ein anderes Paar, das sich nebenan einen Tisch teilt, fühlt sich nicht so angenehm. Sie starren in verschiedene Richtungen, ohne etwas zu sagen. Ihre Flaschen sind leer.

Obwohl das Restaurant immer voller wird, bleibt der Geräuschpegel gleich. Wenn es Musik gibt, bemerkt man es nicht. Ein alter betrunkener Mann, der einen langen Bart trägt, trinkt aus der Dose, die er im Supermarkt geholt hat, Bier. Die Studenten schauen ihn nur für einen Moment an, bevor sie das Interesse verlieren. Wie ich ist er mehr allein, als er erwartet hätte.

Die Kellnerin kommt mit meinem Kaffee und ich trinke den frierend aus.

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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