Fundstücke: Heimat

Der folgende Text eines irischen Studenten stammt aus dem Wintersemester 1996. Er ist von mir leicht korrigiert worden, weil der Originaltext eine Reihe von Fehlern enthielt . Die Aufgabe war, einen Text zu der Frage zu schreiben: Was ist für dich Heimat? (Die Bilder aus Irland stammen aus der Wikimedia Commons).  Ich setze den Text hier unter Fundstücke, weil er sehr schön zeigt, wie kreativ Lernende mit einer Fremdsprache umgehen können, wenn sie gelernt haben, dass Fehler nichts Schlimmes sind, sondern ein notwendiger Bestandteil des (Sprach)lernprozesses.

O. B., Irland
Leben in West Irland heißt für mich Heimat
Traffic Jam, West of Ireland
Zu Hause in Irland ich bin kein Wessi sondern ein Ossi, aber im Herzen bin ich ein Wessi. Für viele Leute ist das dürre unfruchtbare Land der Steinmauern das schönste des ganzes Landes. Aber warum lieben so viele Leute einen Ort wo, wenn es einen Baum gibt, er immer in Richtung Osten wächst? Verlassene Dörfer, eine fast tote Sprache und sehr wenig Geld, das ist nur ein Teil des Landes im Westen. Vielleicht ist der Grund die ruhige Zuversicht die Menschen oder vielleicht die zweite Heimat von vielen, die Kneipen.

Es müssen die Kneipen sein. Vielleicht verstehen Sie das besser, wenn Sie wissen, dass es in den meisten westlichen Dörfern zwei- oder dreimal so viele Kneipen wie Läden gibt. Zum Beispiel: Headford Co.Galwey hat vierundfünfzig Gebäude. Zwei sind Läden, eins ist ein Friseur und fünfzehn sind Kneipen.

Warum sind sie so wichtig? Warum ein zweites Heim? Es gibt einen Witz über einen Mann, der eine Kneipe verlassen hat und er musste fragen, wo sein Haus war. Er hatte es zehn Jahre früher verlassen, um einen Drink zu nehmen und hat die ganze Zeit in der Kneipe gewohnt ! Vielleicht das ist nicht wahr, aber es könnte wahr sein. Wenn Leute seit dreißig Jahren oder so in dieselbe Kneipe gegangen sind und auf demselben Hocker gesessen haben, ist es wie ein zweites Heim. Diese Leute trinken täglich mit dem nächsten Nachbarn, der zwanzig Kilometer weit entfernt wohnt; vielleicht haben sie Fußball zusammen gespielt, als sie Kinder waren.
Ned Natterjack's pub - geograph.org.uk - 1116757
Diese Kneipen sind irgendwo, wohin die Leute kommen, um den schweren Tag im Geschäft oder im Feld zu vergessen. Sie trinken und spielen und tanzen und wissen immer, was darin zu erwarten ist. Es ist so lange passiert bis jetzt, es ist ein Teil der Kultur und auch selbst eine eigene Kultur. Diese Kultur ist ein Teil von mir und ich bin auch ein Teil davon.

Leben in West Irland heißt für mich das warmes Gefühl von Heimat und das Wissen darüber, wer ich bin.

Advertisements

Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
Dieser Beitrag wurde unter Interkulturelle Landeskunde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s