Fundstücke: Wo ich lebe

In der Woche nach Pfingsten haben wir keine Lehrveranstaltungen an der Uni, also Zeit aufzuräumen und in alten Materialien zu kramen. Dabei fand ich wieder zwei interessante Texte von Studierenden aus dem Wintersemester 1995.  Aufgabe war, einen Text zu schreiben zum Thema „Wo ich lebe“. Dabei sind interessante Perspektiven auf Dresden entstanden, die Stadt, in der die Studierenden für ein Semester oder ein Jahr gelebt haben.
16. DDR, Übergang. Dresden, Jan. '90
Gleichzeitig auch ein Blick in die Geschichte: Heute wären manche Perspektiven anders.

Das erste Beispiel ist von Christine. Sie kam aus den USA:

Auf dem Weg nach Hause

Betreten verboten … leere Straßen
zerrissene Straßen
grauer Himmel
graue Gebäude
Graffiti
Kräne
neue Eröffnung … begrenzt.

Ich kann …  durch die Menschenmenge
vorbei an der Werbung
ohne Eile … laufen.

Bekannt … ist die Kopfsteinstraße
ist der Netto – Markt
ist die (ich habe das Wort vergessen) …. auf dem Weg nach Hause.

Eintritt in … die Vergangenheit
die Vergessenheit
die Gewohnheit
die Unsicherheit … begrenzt.

Versteckt
ist
die
Heimat.


Der zweite Text ist von Cole (auch aus den USA)

Wo ich lebe

Die Stadt Dresden ist eine der östlichsten Städte Deutschlands, etwa 60 Kilometer von der Tschechischen Grenze und es ist die letzte große Stadt, wenn man in die Tschechische Republik fährt. Dresden ist beides: eine alte Stadt mit viel Geschichte und eine neue Stadt. Sie ist neu, weil die Bürger dort nicht nur ihre Wirtschaft und Regierung verwandeln mußten, sondern auch ihre Art von Leben verändern.
Es gibt allerdings ein paar Kneipen zur Erinnerung an die 40 Jahre Zeit, in der ich nie gelebt habe. Meistens befinden sich die Kneipen in der Neustadt. Ich gehe dort am Abend hin, manchmal zu einer, die heißt Raskolnikow, oder zu einer anderen, Planwirtschaft, oder zu Stalins. Obwohl ich weiß, daß ich das ganze Gefühl von dieser Zeit nicht verstehen würde, fühle ich mich dort wohl. Hier sind die Karten auf Russisch geschrieben, die ich nicht lesen kann und die Leute wollen nicht ihre Geschichte vergessen lassen. Sie wissen schon, daß ihr Land gewechselt hat und meistens haben sie auch schon ihr Leben und ihre Ansicht gewechselt. Sie hatten keine Wahl. Für mich sind sie aber keine Opfer, sondern Menschen, die mit dem Wechsel zu wachsen versuchen.
Vielleicht fühle ich mich dort wohl, weil es nichts gibt, das mich an Amerika erinnert. Das ist aber nicht genau meine Heimat und für die Menschen dort ist es auch nicht genau ihre Heimat. Wir leben trotzdem zusammen, wie wir nicht vorher hätten zusammenleben können, leise, mit einer unsichtbaren Mauer, die noch da ist. Dann sprechen sie mit mir und wir reden eine lange Zeit miteinander. Dort weiß ich, daß das Ostgefühl nicht so weit ist.

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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