Heimweh – Paralleltexte zum Gedicht von Helmut Heißenbüttel

Beim Aufräumen heute Nachmittag habe ich ein paar Texte von Germanistikstudentinnen und -studenten gefunden, die sie in den 90er Jahren als Teilzeitstudenten an der TU Dresden in meinem Sprachkurs geschrieben haben. Einige dieser Texte finde ich zu schön – auch zu berührend –  um sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Ich glaube auch noch heute – im Nachhinein – dass die Studenten viel voneinander gelernt haben, als wir damals die Texte in der Gruppe vorgelesen und besprochen hatten.

Die Aufgabe war, einen Paralleltext zum Gedicht „Heimweh“ von Helmut Heißenbüttel zu schreiben (diese Aufgabe stammt aus dem Lehrwerk Sichtwechsel Neu, Band 1, des Klett Verlages).

Hier ist der Text von Helmut Heißenbüttel: 

Heimweh

nach den Wolken über dem Garten in Papenburg
nach dem kleinen Jungen der ich gewesen bin
nach den schwarzen Torfschuppen im Moor
nach dem Geruch der Landstraßen als ich 17 war
nach dem Geruch der Kommißspinde als ich Soldat war
nach der Fahrt mit meiner Mutter in die Stadt Leer
nach den Frühlingsnachmittagen auf den Bahnsteigen der Kleinstädte
nach den Spaziergängen mit Lilo Ahlendorf in Dresden
nach dem Himmel eines Schneetags im November
nach dem Gesicht Jeanne d´Arcs in dem Film von Dreyer
nach den umgeschlagenen Kalenderblättern
nach dem Geschrei der Möwen
nach den schlaflosen Nächten
nach den Geräuschen der schlaflosen Nächte

Hier ist der Text von S. M. (Spanien):

Ich fühle Heimweh

nach der warmen Sonne,
nach dem Gebell des Straßenhundes,
nach dem Geruch der Weizenähre im April,
nach dem Gesang des Kanarienvogels am Fenster,
nach dem Geruch von Kerzenwachs und Weihrauch,
nach dem Geruch der Orangenblüte im Mai,
nach dem Geruch des Rosmarins und Ölbaumes,
nach dem Laut der Grille in der Nacht,
nach dem Geruch des Jasmins im Juni,
nach dem Geschmack des weißen wohlriechenden Weins,
nach der kühlen Erfrischung des Taus im Gras,
nach dem Spaziergang am Sonntag durch den Maria Luisa Park,
nach der Wärme der Heimstätte,
nach Sevilla, nach Spanien.

Hier der Text von J. V.  (Finnland):

Heimweh

nach dem Warten auf den ersten Schnee
nach den Schneestürmen
nach dem Knistern des Schnees bei jedem Schritt
nach den 20.30 Uhr – Nachrichten
nach dem ruhigen Morgen nach der Nachtschicht
nach dem langen Abstand zwischen Städten, zwischen Lappland und Helsinki
nach dem Sandstaub auf den Landwegen
nach den komischen Dialekten von Karelien und der Westküste.

Hier der Text von J. D.  (USA)

Heimweh

nach dem Vollmond in der Wüste
nach den zahlreichen Bohrtürmen in Abingdon
nach einem Hund namens Bullwinkle
nach der Kletterpartnerin, die immer geduldig bleibt
nach den Eltern, die auf mich warten
nach dem Kaffeeklatsch an der Uni
nach den vielen schlaflosen Nächten, in denen Lernen am wichtigsten war
nach dem „Pizza-und-Cola-Frühstück“
nach den Magnolienbäumen am „Main Quad“
und vor allem nach der Freundin, deren Briefe mein Heimweh verstärken.

Der Text von O. B.  (Irland):

Heimweh

nach den Steinmauern im Westen
nach den Billiardhallen voll mit Rauch
nach den auch rauchvollen Kneipen
nach dem Gaelicspielen am Sonntagmorgen
nach dem Besuch im Krankenhaus danach
nach den cúpla focal [Gaelic: a couple of words] zwischen Freunden
nach dem Regen
nach dem Geruch des Landes nach dem Regen
nach dem alten Pferd hinter der Mauer
nach den Freunden
nach den Priestern
nach den Freundinnen der Priester
nach der Straße zwischen dem Haus und der Stadt.
Ich kann die im Kopf fahren.
Das könnte ich immer tun.

Und hier der Text von H. P. (Frankreich):

Elfchen

Heimweh?
wonach sollte
ich Heimweh haben?
ich habe überhaupt kein
Heimweh!

Heimweh?
weit weg,
aber nicht allein
Heimweh habe ich nicht.
Freunde.

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Über uzeuner

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Deutsch als Fremdsprache der TU Dresden
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Eine Antwort zu Heimweh – Paralleltexte zum Gedicht von Helmut Heißenbüttel

  1. Alexander Lasch schreibt:

    Sehr schöne Fundstücke! Danke!

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